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„Wir haben hier so viel mehr zu bieten als Staubsauger zu reparieren“

Maintal, den 05.02.2019

Im Reparatur-Café am 16. Februar 2019 zwischen 10:00 und 13:30 Uhr sorgen Gerlinde Schuler und Jarmila Uhlein für herzlichen Empfang

 

Wenn morgens um 10 Uhr im Stadtteilzentrum Bischofsheim (Dörnigheimer Weg 25) die ersten Besucher*innen Schlange stehen, ist klar: Es ist der dritte Samstag im Monat – Zeit fürs Reparatur-Café. Wer hier herkommt, bringt die Nähmaschine mit, die´s nicht mehr tut, ein zerrissenes Hundeband, einen angeschlagenen Bilderrahmen. Am Eingang werden alle herzlich begrüßt – von Gerlinde Schuler oder Jarmila Uhlein, dem freundlichen Empfangskomitee des Reparatur-Cafés.

 

Ihre Aufgabe ist es nicht nur, neue Besucher*innen im Café willkommen zu heißen und mit der wichtigsten – und einzigen – Formalie bekanntzumachen, die es hier gibt. Denn alle, die die Dienste des Reparatur-Cafés nutzen, müssen unterschreiben, dass das Café keine Haftung übernimmt. Schließlich handelt es sich im Café ja auch nicht um einen normalen Laden, sondern um einen Ort, an dem „Hilfe zur Selbsthilfe“ geleistet wird und Bürger*innen einander helfen. „Wir führen hier keine Statistiken, wie viele Menschen zu uns kommen. Für uns zählt, dass von den vielleicht neun Personen, die zu uns hereinkommen, acht glücklich wieder herausgehen. Dann haben wir unsere Aufgabe gut erfüllt.“ So wie die Frau, die mit einem vermeintlich defekten Staubsauger ankam und sich anschließend mit Freudentränen bedankte, weil er wieder funktionierte – „und dabei war nur das Rohr verstopft“, erinnert sich Jarmila Uhlein.

Die 58-jährige ist fast seit den Anfängen des Reparatur-Café im Sommer 2016 dabei. Man könnte meinen, die Aufgabe, Menschen in Empfang zu nehmen und an die richtige Stelle weiterzuleiten, sei Jarmila Uhlein auf den Leib geschrieben: Mit ihrer herzlichen Art macht sie es anderen leicht, anzukommen – den Besucher*innen, aber auch den Neuen im Team. Darüber hinaus gibt die „Verteilerzentrale“, wie die den Empfang bezeichnet, Orientierung: Sind manche Anfragen zu Reparaturen zu anspruchs- oder zu verantwortungsvoll, muss sie umsteuern und klar und freundlich zugleich die Grenzen des Reparatur-Cafés aufzeigen. „Und wir achten auch ein bisschen darauf, dass sich niemand vordrängelt.“ Warum sie dabei ist? „Der soziale Gedanke, Menschen zu helfen, gefällt mir.“ Ein echter „Vereinsmensch“ sei sie zwar nicht, weil man so gebunden sei, „aber einmal im Monat ins Café lässt sich gut einplanen“, findet sie. „Außerdem erweitert das soziale Miteinander im Café den Horizont. Man hat ja einen festen Freundes- und Bekanntenkreis, hier aber komme ich mit ganz neuen Leuten in Kontakt. Und ich engagiere mich hier, auch wenn es ein bisschen komisch klingt, als Vorbereitung für die Rente.“

 

Auch wenn das Reparatur-Café keine offenen Hierarchien kennt („Wir machen Teamwork, und alle gehen mit offenen Augen durch den Raum.“) – eine Person, die die Fäden offiziell in der Hand hält, braucht es auch hier. Im Reparatur-Café hat diese Aufgabe die Bischofsheimerin Gerlinde Schuler übernommen: Morgens ist sie als erste da und schließt die Türen auf, und nachmittags geht sie als Letzte, wenn sie gegen 14 Uhr die Türen wieder schließt. Seit dem Sommer 2016 war das so an jedem dritten Samstag im Monat – bis auf eine einzige Ausnahme, als sie einmal verhindert war.

 

Gebetsketten auffädeln, Bilderrahmen retuschieren – und jede Menge Atmosphäre

Gerlinde Schuler ist Floristin, 66 Jahre alt und erst seit wenigen Monaten Zeit in Rente. Zu ihrer Leidenschaft für Pflanzen, Kräuter, Blumen gesellt sich ein praktischer Verstand, der im Reparatur-Café oft gefragt ist: Will jemand zum Beispiel wissen, wo der Kaltgerätestecker liegt („das Wort habe ich hier gelernt“), folgt ihre Antwort prompt: „Schau mal dort drüben auf dem Schrank“. Schuler ist eine dieser resoluten Frauen, die von sich sagen, „bevor ich Hausarbeit erledige, gehe ich lieber in den Keller und bastle. Ich bin eher der handwerkliche Typ.“ Sie liebt es, Dinge auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen. Im Café zahlt sich das aus – auch bei exotischeren Anliegen, wie etwa dem Wunsch, eine Gebetskette neu aufzufädeln. Einmal habe sie einer Besucherin des Cafés sogar gezeigt, wie diese selbst ihren alten Bilderrahmen an den Fehlstellen mit Gipspaste auskleiden und sie mit einer feinen Goldfarbe ganz leicht retuschieren konnte. „Die Dame war darüber so glücklich, dass sie anschließend extra noch einmal wiederkam, um sich bei uns zu bedanken.“ Für Gerlinde Schuler steht dieses Erlebnis noch für etwas anderes als die Freude an der Reparatur: „Die Leute kommen hierher, bemerken die Atmosphäre und werden empfänglich auch für die anderen Sachen, die hier im Café laufen. Für das warmherzige Miteinander eben – und wie gut das tut.“   

 

Am liebsten wäre es Gerlinde Schuler, „wenn ganz Maintal, ach was, am besten gleich die ganze Region“ von der Existenz des Reparatur-Cafés wüsste. „Wir haben hier so viel mehr zu bieten als `nur´ Kaffeemaschinen oder Staubsauger zu reparieren. Was wir hier vor allem können, ist die Kunst der Improvisation.“ Will sagen, hier findet man für (fast) alle Probleme des Alltags eine Lösung. Nicht nur für diejenigen, die mit ihrer defekten Kaffeemaschine ins Café kommen, sondern auch für diejenigen, die ihr trauriges Herz mitbringen. Dann ist es eben viel wichtiger, einfach nur zuzuhören, in den Arm zu nehmen und zu trösten.

 

Wer Interesse hat im Team des Reparatur-Cafés mitzuarbeiten oder weitere Informationen möchte, kann sich an Olivia Metzendorf vom Fachdienst Maintal Aktiv – Freiwilligenagentur wenden. Sie ist telefonisch unter 06181 400-449 oder per E-Mail an freiwilligenagentur@maintal.de erreichbar.

 

Foto: Das Bild zeigt von links Rosemarie Olbrich und Gerlinde Schuler, das Empfangskomitee im Reparatur-Café in Maintal-Bischofsheim. Foto: Jürgen Eibich