Aufwachsen_Roza


Roza
Iran
Mein Name ist Roza. Ich bin in Offenbach geboren und in Frankfurt aufgewachsen und habe bis vor Kurzem mein Anerkennungsjahr in Maintal gemacht. Meine Eltern stammen aus dem aserbaidschanischen Teil des Iran. Ich habe noch eine jüngere Schwester.
Wie kamen Deine Eltern denn nach Deutschland?
Mein Vater hat in der Türkei studiert. Da er sich politisch gegen das Regime in der Islamischen Republik Iran engagierte, war sein Leben dort nicht mehr sicher und er kam als politischer Flüchtling nach Deutschland. Da er Geld verdienen musste und zudem kein Deutsch konnte, konnte er sein Studium nicht fortsetzen und hat in Deutschland eine Ausbildung als Zeitungsdrucker absolviert.
Meine Mutter hat im Iran Sozialpädagogik studiert. Leider wurde ihr Studium hier nicht anerkannt. So hat sie, als wir noch Kinder waren, eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und arbeitet heute in einer Kinderkrippe.
Meine Eltern kannten sich schon als Kinder. Nach der Heirat kam meine Mutter dann zu meinem Vater nach Deutschland.
Wie gut sprechen Deine Eltern Deutsch?
Mein Vater hatte immer viele türkische Kollegen und Freunde und hat deshalb nur mit Mühe etwas Deutsch gelernt. Meine Mutter hat Deutschkurse besucht und spricht auch durch die Arbeit gut Deutsch.
In der Familie sprechen wir Farsi und Aserbaidschanisch, mit meiner Schwester spreche ich meistens Deutsch. Meinen Eltern war es wichtig, dass wir alle drei Sprachen sprechen.
Wie gut konntest Du Deutsch als Du in den Kindergarten gekommen bist?
Ich konnte überhaupt kein Deutsch, aber wie alle Kinder habe ich es sehr schnell gelernt. Am Anfang war es schwierig und die Erzieherinnen haben mir verboten, mit meinen Freundinnen türkisch zu sprechen. Ich selbst kann mich nicht mehr daran erinnern, aber meine Mutter erzählte mir, dass ich daraufhin in der Kita 6 Monate überhaupt nicht mehr gesprochen habe.
Wie war die Schulzeit für Dich?
In der Schule hatte ich keine Probleme und immer gute Noten. Meine Mutter hat mir immer geholfen, oder es zumindest versucht. Manchmal war genau das ein Problem, weil sie die Texte manchmal nicht so richtig verstand und mir falsche Sachen beibrachte.
Ich war ein neugieriges und interessiertes Kind und habe viel und gerne gelesen. Ich denke, das hat mir viel geholfen. Bildung war meinen Eltern sehr wichtig, vor allem meiner Mutter. Sie ist mit uns immer in die Bücherei gegangen, hat auf Hausaufgaben geachtet und es uns auch vorgelebt. Auch mein Vater liest seit meiner Kindheit sehr viel und gerne. Meine Eltern erfanden oft Spiele, um uns unterschiedliches Wissen beizubringen, zum Beispiel lernte ich die Persischen Zahlen beim Schaukeln.
Wenn es etwas zu regeln oder zu besprechen gab, hat meine Mutter sich am Anfang Hilfe von türkischen und iranischen Bekannten in unserem Umfeld geholt, später konnte sie dann selbst genug Deutsch. Trotzdem musste und muss ich manchmal übersetzen, obwohl sie inzwischen eigentlich alles versteht.
Obwohl ich immer sehr gute Noten und eine Gymnasialempfehlung hatte, wurde ich von allen drei Wunschgymnasien in Frankfurt abgelehnt. Mit Unterstützung der Frankfurter Bildungsdezernentin und einer Journalistin kämpfte meine Mutter dagegen und ich wurde schließlich am Goethegymnasium angenommen.
Was empfindest Du für den Iran?
Ich habe seit meiner Geburt beide Staatsbürgerschaften und meine Heimat ist hier in Deutschland. Früher bin ich oft in den Iran gefahren um meine Familie zu besuchen. Das war immer sehr schön. Seit meine Großmutter nicht mehr lebt, war ich nicht mehr dort. Etwa die Hälfte meiner Verwandtschaft lebt im Iran, die anderen an vielen verschiedenen Orten auf der Welt und ich kann sie alle besuchen.
Die Besuche im Iran waren immer mit einer gewissen Unruhe und Anspannung verbunden, vor allem bei der Zollkontrolle am Flughafen. Danach wurde es meistens etwas besser. Aber es blieb oft das Gefühl, mich nicht vollkommen auszukennen und es gab immer wieder Situationen, in denen ich unsicher war.
Oft wurde ich dort auch „die Deutsche“ genannt, da ich manche Dinge nicht kannte oder nicht wusste. Das gab mir immer das Gefühl, nicht richtig dazu zu gehören.
Ich fühle immer mehr, dass das nicht mehr mein Land ist. Ich bin aus Deutschland, ich lebe hier und ich gehöre hier hin.
Hast Du Erfahrungen mit Rassismus gemacht?
Was mich oft richtig nervt, ist die Frage „Wo kommst Du her?“ und wenn ich dann Offenbach oder Frankfurt antworte folgt die Nachfrage „Nein, ich meine wo kommst Du wirklich her?“ Natürlilch weiß ich, was die Menschen damit meinen und für Kinder und Jugendliche ist diese Frage auch wichtig. Aber es klingt jedes Mal so, als würde ich nicht richtig dazugehören.
Und ja, es gibt immer wieder Vermutungen, ich hätte Sprachschwierigkeiten und andere ausgrenzende Bemerkungen, die auf mein Aussehen zurückgeführt werden. Mir selbst ist das mittlerweile egal, aber wenn es meine Eltern betrifft, kann ich sehr wütend werden. Sie haben so viel erreicht und durchgemacht, dass es mich einfach ärgert, wenn sie so herabgesetzt werden.
Wie war es mit mehreren Kulturen aufzuwachsen?
In der Regel kann ich das gut verbinden. Manchmal gibt es aber auch Überraschungen oder einen Kulturschock. Ich weiß noch, wie verwirrt ich war, als mich die Mutter einer Freundin vom Spielen nach Hause schickte, weil die Familie jetzt essen würde. Meine Mutter wäre nie auf die Idee gekommen einen Gast – egal wie alt – ohne Essen nach Hause zu schicken.
Ich habe eine sehr international besetzte Schule besucht, dadurch waren verschiedene Kulturen eher normal. Fast alle meine Mitschüler*innen sind mehrsprachig aufgewachsen und es wurden die unterschiedlichsten Feste gefeiert. Ich fand es toll, mir diese für mich fremden Feste anzuschauen und auch in unserer Familie wird gerne und oft gefeiert. Meinen Eltern war es immer wichtig, dass wir uns nicht ausgeschlossen fühlen. Deshalb haben wir zu Hause auch an Weihnachten und Ostern Geschenke bekommen.
Einen großen Vorteil sehe ich in der Mehrsprachigkeit und in der Selbstverständlichkeit der verschiedenen Kulturen.
Nicht so gut fand ich, dass wir unseren Urlaub ausschließlich im Iran verbrachten. Ich habe immer meine Klassenkamerad*innen beneidet, die jedes Jahr woanders Urlaub machten.
Alles in allem empfinde ich es aber sehr schön, so unkompliziert mit verschiedenen Kulturen umgehen zu können und eine zweite Heimat zu haben.